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Nach fast 30 Grad tagsüber hat es in der Nacht auf angenehme 12 Grad abgekühlt. Die Lage des Willowgrove Holiday Park ist wirklich einmalig. So schlendere ich vor dem Frühstück noch einmal runter zum Fluss, der kaum merklich dahinfließt. Die Sonne geht über den Eukalyptuswäldern auf der anderen Uferseite auf, vielleicht einer der schönsten Momente auf unserer Reise.
Heute steht uns eine der längsten Tagesetappen von rund 650 Kilometern entlang der Capricorn-Küste bevor. Die Fahrt geht wieder vorbei an großen Rinderfarmen und Eukalyptuswäldern.
Eine witzige Episode am Rande: Beim Schreiben dieser Zeilen suche ich im Internet nach einer geeigneten Karte, um unseren aktuellen Standpunkt zu beschreiben. Und ich treffe auf die nationale Toilettenkarte (www.toiletmap.gov.au), mit dem Standort aller registrierten Toiletten. Unglaublich, aber wer dort unten war und die Sauberkeit auf den Straßen erlebt hat, kann diese Idee nachvollziehen.
Tolle Karten übrigens auch unter (www.wilmap.com.au) zum Downloaden. Teilweise incl. Touristenprospekten, Stadtplänen und alles was der Traveller benötigt, großartig!
Gegen Mittag passieren wir Rockhampton, rund 1.800 Kilometer von unserem Startpunkt in Sydney. Die Rinder-Hauptstadt Australiens bietet schöne Sandstrände und ein abwechslungsreiches Regenwald-Hinterland. Der Ort ist Ausgangspunkt für diverse Touren zum Great Barrier Reef, etwa 100 km östlich der Küste. Wir allerdings fahren an der Stadt vorüber, um wenige Kilometer weiter auf dem Bruce Highway den Wendekreis des Steinbocks zu passieren. Wir sind nun offiziell in den Tropen. Die Sonne steht hier jedes Jahr, jeweils am 22. Dezember um 12 Uhr mittags senkrecht am Himmel.
Zur Mittagszeit rasten wir am "Fleggy Rocks Exotic Fruitgarden", eine kleine Raststätte in der Nähe des Wendekreises, die im Besitz eines gebürtigen Dänen ist. Hier gibt es die besten Steakbrötchen (rund 3 €) von ganz Australien. Auch die selbstgemachten Pasteten und das Eis sind sehr zu empfehlen. Aber auch der Garten des Fruitgarden beeindruckt mit Pflanzen aller Art. Wir sitzen zum Essen unter einem Litschibaum.
Die Fahrt am Nachmittag versucht uns Peter mit weiteren Geschichten zu verkürzen. Heute geht es um das Barrier Reef, das wir am morgigen Tag besuchen wollen. Es erstreckt sich auf einer Länge von mehr als 2000 Kilometer östlich des australischen Kontinents, in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometer von der Küste. Im Süden beginnt es in der Nähe von Brisbane und reicht im Norden bis zur Torres Straße, die Australien von Neu Guinea trennt. Es ist das größte Riffsystem und gleichzeitig das größte von lebenden Organismen geschaffene Bauwerk der Erde, über 10.000 Jahre alt und besteht aus über 2900 Einzelriffen und 71 Koralleninseln. Es wird auch als das größte Lebewesen der Erde bezeichnet, und ist sogar vom Weltraum aus zu sehen. Zum Erhalt dieses einzigartigen Naturraumes und Ökosystems wurde das Great Barrier Reef am 26.Oktober 1981 von der UNESCO zum Welterbe ernannt.
Zum Abschluss des Vortrages singt uns Peter die "heimliche Nationalhymne" der Aussies vor. Die Waltzing Mathilda. Das Lied wurde in der Nähe der Stadt Winton komponiert und dort erstmals gespielt. In dieser Stadt (www.matildacentre.com.au) steht das einzige Museum der Welt, das einem Lied und den Umständen zu seiner Entstehung gewidmet ist. Der Text, den 1895 der heute noch populäre Dichter "Banjo" Peterson schrieb, handelt nicht etwa von einer Frau, sondern schildert einen Tramp, der mit seiner Mathilda – einem Bündel mit Habseligkeiten – im Outback auf der Walz ist. Wie er hungrig ist, stiehlt er ein Schaf und die Polizei verfolgt ihn. Auf der Flucht ertrinkt er in einem Billabong – einem Wasserloch – wo er sich versteckt hatte.
Das Lied gibt es in den verschiedensten Versionen und wurde auch von vielen Sängern intoniert, so auch von den Dire Straits oder von Rod Stewart. Hier der Originaltext:
Once a jolly swagman
Camped by a billabong,
Under the shade of a coolabah tree
And he sang as he watched
And waited ‘til his billy boiled,
Who’ll come a waltzing matilda with me ?
Waltzing Matilda, waltzing Matilda,
Who’ll come a waltzing matilda with me ?
And he sang as he watched
And waited ‘til his billy boiled,
Who’ll come a waltzing matilda with me ?
Down came a jumbuck
To drink at the billabong,
Up jumped the swagman and grabbed him with glee.
And he sang as he stowed
That jumbuck in his tucker bag,
Who’ll come a waltzing matilda with me ?
Down came the squatter
Mounted on his thoroughbred,
Up jumped the troopers one, two, three.
“Where’s that jolly jumbuck.
You’ve got in your tucker bag ?
You’ll come a waltzing matilda with me !
Up jumped the swagman
And lept into the billabong,
“You’ll never take me alive” said he.
And his ghost may be heard
As you pass by the billabong
Who’ll come a waltzing matilda with me ?
Eine ganz gute Übersetzung habe ich bei Dieter Kreutzkamp gefunden, der mit dem Fahrrad viele Monate in Australien unterwegs war und das Buch „Traumzeit Australien“ geschrieben hat, übrigens ein herrliches Buch:
„Einst saß ein fröhlicher Wanderarbeiter an einem Wasserloch im Schatten eines Eukalyptusbaumes, als ein Schaf zum Saufen kam. Er packte das Tier und verstaute es in seiner Vorratstasche. Da tauchte hoch zu Ross der Landbesitzer auf. In seiner Begleitung waren drei Polizisten und fragten: „Wem gehört das Schaf?“. Da rief der Wanderarbeiter voller Angst: „ Lebend kriegt ihr mich nicht!“ und sprang in das Wasserloch. Wer heute hier vorbeikommt, kann den Geist des Wanderarbeiters noch immer rufen hören: „Wer geht mit mir auf die Walz?“
Peter scherzt, dass wir bis zum Ende der Reise das Lied alle kennen – er sollte Recht behalten. Wie es nicht anders kommen kann, kommt die nächste "Anregung" vom Programm abzuweichen. "Frau Besserwisser", wir hatten sie schon kennen gelernt, schlägt eindringlich vor, eine Zuckerfabrik zu besuchen. Tja, Peter mit der Dame wirst du noch viel Spaß haben. Aber im Ernst – das Programm dieser Reise ist so eng gestrickt, dass für "Extrawürste" leider überhaupt keine Zeit mehr bleibt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Fahrtzeiten für Wastl, unseren Busfahrer, bei den teilweise riesigen Tagesetappen, stark reglementiert sind. Wie in Deutschland sind die Lenk– und Ruhezeiten begrenzt und werden auch streng kontrolliert. Ich sitze hinter Wastl und beobachte oft seine detaillierten Aufzeichnungen im Fahrtenbuch.
Weiter geht das Gemeckere derselben Dame, dass wir zu wenig Zeit in Brisbane hatten. Die andere Rotelgruppe, die mit dem Bus einen Tag vor uns fährt, wäre dort zwei Stunden länger geblieben. Peter reagiert richtig und bietet ihr ernsthaft an, doch in der anderen Gruppe mitfahren zu können, wenn ihr die Reiseleitung in unserem Bus nicht gefällt. Dort wären noch einige Kabinen frei. Da "kneift" sie, weil ihr dann ein Reisetag verloren gehen würde.
Das sind so Situationen, wo du als Reiseleiter ganz schön aufpassen musst, sonst gleitet dir die Sache aus der Hand. So ein Stänkerer kann die Stimmung kippen lassen und die ganze Reise ist versaut. Nicht aber mit Peter, der Mann hat mehr als 25 Jahre Reiseerfahrung und schon andere Situationen erlebt, wo es um "Leben und Tod" ging.
Wir jedenfalls sind froh drum, abends schon recht frühzeitig bei den Campingplätzen zu sein. So hat man noch Zeit etwas Sport zu treiben und evtl. zu waschen. Wir haben nun mal wenige Klamotten dabei, die in Schuss gehalten werden müssen.
Gegen 16.00 Uhr erreichen wir - nach rund 600 Kilometer Tagestour und fast 2.200 Kilometer von Sydney entfernt - Airlie Beach (www.airliebeach.com), ein sehr netter Ferienort an der Pazifikküste. Hier werden wir zwei Tage verbringen. Der Campingplatz, das Shute Harbour Whitsundays Wanderer Resort macht zwar nicht den gepflegtesten Eindruck, aber die Lage ist sehr zentral, nur wenige Meter vom Stadtzentrum entfernt.
Airlie Beach gefällt mir auf Anhieb. Gelegen an verwinkelt und bewaldeten Buchten, türkisblaues Meer, Segelschiffe am Horizont, in der Ferne die Whitsunday Inseln (www.queenslandholidays.com.au/whitsundays/index.cfm). Eine idyllische Inselgruppe mit sanften, grünen Hügeln von deren 74 Inseln nur 17 bewohnt sind. Eigentlich handelt es sich dabei um ein im Meer versunkenes Gebirge, von dem lediglich die Gipfel sichtbar sind. Herrliche Badestrände an glasklarem, blauem Wasser erwarten die Besucher - und eines der besten Segelreviere der Welt mit lagunenartigen Buchten, auf dem gleichen Breitengrad wie Tahiti und fast dem gleichen Klima.
Das Great Barrier Reef liegt hier vom Festland ca. 80 km entfernt, rund 2 Stunden mit dem Schnellboot. Zu den Inseln der Whitsundays, die selbst nicht zum Riff gehören, ist der Weg entsprechend kürzer.
Nach dem Abendessen sehen wir uns die Stadt an. Toll die Strandpromenade mit einem riesigen Meerwasserpool, der so groß wie 3 Fußballfelder ist. Warum direkt neben dem Meer so eine Anlage gebaut wird, erfahren wir zwei Tage später in Townsville.
Wir setzen uns in ein Pub, würde man bei uns sagen. Halb im Freien allerdings, also eher die australische Mischung aus Biergarten und Pub. Die Bude ist gerammelt voll. Viele Engländer mit Nationaltrikots, riesige Fernseh-Projektionen an den Wänden. Was geht hier vor?
Nach dem ersten Bier, Silvia besorgt einen "Chuck", sieht aus wie eine Vase mit Henkel und fasst 1.140 Milliliter Bier, wird es klar. Wenn heute der 19.11.2003 ist, dann spielt jetzt England gegen Frankreich im Halbfinale des Rugby World Cups. Das größte sportliche Ereignis hier in "Down Under" nach den Olympischen Spielen 2000. Und Australien ist eine Rugby verrückte Nation. Von der Bedeutung nur noch zu vergleichen mit Fußball in Deutschland. Wobei gleich zu erwähnen ist, dass unser Land nicht am Wettbewerb teilgenommen hat – die deutsche Mannschaft ist viel zu schwach.
Plötzlich steht fast das ganze Lokal auf und die englische Nationalhymne wird ohrenbetäubend laut angestimmt. Dann fast 2 Stunden Stimmung wie im Wembleystadion. Die Sensation ist perfekt. Es ist wieder einmal Jonny Wilkinson, der das Spiel der englischen Nationalmannschaft mit seinen Kicks entscheidet. England gewinnt das Halbfinale gegen Frankreich in Sydney klar mit 24:7 und zieht somit zum ersten Mal seit 12 Jahren in ein WM-Finale ein. Damit hat die englische Mannschaft alle Chancen sich für die 12:6-Niederlage im WM-Finale 1991 in Twickenham, damals also im eigenen Land, gegen Australien zu revanchieren. England trifft nun am 22. November im Finale auf den Gewinner aus dem 2. Halbfinale zwischen Neuseeland und Titelverteidiger und Gastgeber Australien am 19. November. Zum Endspiel werden wir in Alice Springs sein. Das wird ein heißer Tanz.
Zu uns gesellen sich später noch Julia und Gudrun aus unserer Reisegruppe. Julia ist mit 23 Jahren die jüngste Reiseteilnehmerin, Winzertochter, was sie später noch ganz eindrucksvoll beweisen wird und hat viele Jahre ihres jungen Lebens jeden Cent für diese Reise zusammengespart. Sozusagen, die Verwirklichung eines lang gehegten Traums. Sie lebt in der Nähe des Kaiserstuhls. Gudrun ist so in unserem Alter, Physiotherapeutin, und wohnt im Südschwarzwald - die kleinste Reiseteilnehmerin, was sie sicherlich nicht so gerne hören wird. Mit den beiden haben wir ab diesem Abend eigentlich hauptsächlich zusammengesessen. Die "kleine" Julia verblüffte mich dabei immer wieder mit ihren "Ansichten" und ihrer Lebensauffassung, die der unseren, den drei "Alten", doch sehr nahe kam, auch der Musikgeschmack. So haben wir nette Gespräche geführt und uns sehr gut verstanden.
Erst spät gehen wir nach vielen "Chucks" und "Bier-Sangrias", die Julia und Gudrun kippen, zu unserem Rotel. Ohne Übertreibung der bisher schönste Reisetag mit einem tollen Abend.
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