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Der Sonnenaufgang ist hier genauso spektakulär, wie der Sonnenuntergang.
Gudrun und ich sind schon früh auf den Beinen, um das auch fotografisch festzuhalten, – nachdem der Himmel purpurn bis rotglühend in unsere Rotelkabinen geleuchtet hat - sonst glaubt uns das keiner. Wir müssen uns heute mit rund 20 Leuten zwar nur 2 Toiletten teilen, allerdings alles wie zuhause – mit Gardinchen vor den Fenstern. Die Verabschiedung von Inge fällt herzlicher aus, wie sonst auf unserer langen Reise. Kaum zu glauben, dass sie bisher nur wenig von diesem Land, das zu ihrer zweiten Heimat geworden ist, gesehen hat. Ihre Kinder leben im fernen Adelaide, mehr als 700 Kilometer entfernt im Süden. Sie will hier nicht weg – sie sagt sie könne im kalten und feuchten Adelaide nicht leben.
Vor unserer Abfahrt erzählt uns Inge noch, dass Crocodile Harry aus seinem Alkoholrausch erwacht ist und sich im Dunkeln verirrt hat. Die Polizei hatte ihn dann aufgegriffen und bei Inge vorbeigebracht. Lange macht der es nicht mehr – vielleicht stürzt er in so einem Loch ab?
Heute steht uns auf dem Stuart Highway wieder eine Mammutetappe bevor, rund 530 Kilometer. Auf der eintönigen Strecke, die fast nur geradeaus führt, kommt einem jede halbe Stunde ein Auto entgegen. Zumeist sind es die riesigen Roadtrains, die bei der Vorbeifahrt durch ihren gigantischen Luftzug unseren "Wombat" jedes Mal fast zum Umfallen bringen. Wastl muss trotz dieser eintönigen Strecke voll konzentriert sein. Schilder warnen die Fahrer schon rechtzeitig, bei Müdigkeit eine Raststätte aufzusuchen. Auch freilaufende Rinder oder Kängurus sind nicht zu unterschätzen. Für solche Fälle ist an unserem Bus ein riesiges "Fanggitter" angebracht.
Nur riesige Salzseen bieten Abwechslung in dieser eintönigen Landschaft. Hier irgendwo in der Nähe (was heißt hier schon Nähe – 300 Kilometer?) liegt auch Woomera. Militärisches Sperrgebiet und ehemaliges Atomwaffentestgebiet der Engländer in den 60ern. Auch die europäische Raumfahrtbehörde ESA soll dieses Gebiet als Versuchsgelände genutzt haben. Heute werden hier neben sechs anderen Lagern Flüchtlinge interniert. Das bei manchmal 60 Grad und 200 Kilometer bis zur nächsten Siedlung. Die Regierungskoalition im Repräsentantenhaus aus Liberal Party und National Party unter Ministerpräsident John Howard greift in Fragen der Asylpolitik hart durch – weltweiten Protesten zum Trotz. Egal, wie man darüber denkt, eine gewisse Abschreckung hat diese Haltung wohl. Die internationalen Flüchtlingsströme werden Australien unter diesen Vorraussetzungen meiden und sich in andere Länder ergießen.
Gegen 13.00 Uhr haben wir es geschafft. Wastl hat bisher rund 420 Kilometer "runter- gerissen". Nach fast 3.500 Kilometer durch das Outback Australiens sehen wir das Meer wieder. Vor uns liegt die Tasmansee. Was nimmt man jetzt an Eindrücken vom Outback mit, das man mit Australien so stark verbindet. Sonne, Hitze, Ungeziefer, Staub – aber auch unendliche Weiten, Brauntöne, Stille, traumhafte Sonnenuntergänge, Besinnung auf das Wesentliche – also fast etwas Meditatives.
Mittagspause mit hektischer Suche nach was Essbarem in Port Augusta (www.portaugusta.sa.gov.au), einer kleinen sauberen Hafenstadt. Wir bleiben wieder beim Chinesen "hängen", wie gesagt, immer gut und reichlich. Die letzte Etappe des Tages führt uns entlang der Flinders Ranges, ein Gebirgszug der sich rund 400 Kilometer weit nach Süden erstreckt und Richtung Adelaide immer grüner wird. Der Name erinnert an Matthew Flinders, der im Jahre 1802 die Umrundung von Australien mit dem Segelschiff vollendete.
Die Landschaft verändert sich dramatisch – wir befinden uns im größten Weizenanbaugebiet Australiens. Die Weizenernte ist gerade in vollem Gange – die zweite in diesem Jahr. Dann wechselt die Landschaft erneut und wir befinden uns in einer lieblichen Weinbaulandschaft, eingebettet in sanfte Täler. Wastl und Peter haben sich entschieden die Landstrasse (B56) zu nehmen, ein weiser Entschluss. Nach den vielen Tagen im Outback ist diese Landschaft Balsam für Augen und Seele. In den kleinen Dörfchen blühen Rosen und Frühlingsblumen. Was für ein Kontrast zu heute morgen, bei unserer Abfahrt im wüstenhaften Coober Pedy.
Wir erreichen das Clare Valley (www.clarevalley.com.au), eines der bedeutendsten Weinanbaugebiete des Landes, das seinen Namen von irischen Einwanderern vor rund 150 Jahren erhalten hat. Zwischen den Clare Valley Cellars und den Epiclare Winery in Clare selbst liegt unser Nachtlager, der Caravan Park Clare, herrlich an einem kleinen Fluss inmitten eines Eukalyptusbaumhaines gelegen.
Das ist eine Landschaft nach meinem Geschmack. Ich schnalle sofort nach dem Aufbau des Rotels meine Joggingschuhe an und laufe los, entlang der Rieslingroute. An dieser Strecke wird in rund zwanzig Weinkellereien ein exzellenter Weißwein hergestellt. Mein Weg führt mich vorbei an der Heritage Winery, die eine wunderbare Terrasse zur Weinverkostung anbietet.
Weiter in Richtung Mintaro, Insidern besser bekannt durch den Film „Picknick am Valentinstag“, der hier in der Nähe gedreht wurde. Ein subtiler Mysteryfilm, der angeblich auf einer wahren Begebenheit beruht. Am Valentinstag 1900 unternehmen einige Mädchen eines australischen Internats einen Ausflug zum Felsmassiv des Hanging Rock. Vier von ihnen besteigen den Berg und verschwinden auf mysteriöse Weise. Nur eine taucht wieder auf, jedoch ohne jede Erinnerung an das Geschehene. Mir läuft es schon beim Gedanken an den Film heiß und kalt den Rücken runter. Also besser wieder der wunderbaren Natur hier am Rande der Flinders Range widmen. Überall gelbe und blaue Blumenteppiche zum Sattsehen, bei rund 28 Grad liegt Zitronenduft in der Luft, ganz einfach, ein warmer und schöner Frühlingstag Anfang Dezember ganz im Süden von „Down Under“ – vielleicht die schönste Gegend unserer Reise.
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